06 Mrz

Anonyme Bewerbung – ohne Vorurteile zum Traumjob?

Worauf schauen Personaler, wenn Bewerbungsfoto, Name, Alter, Familienstand und Nationalität nicht in den Bewerbungsunterlagen erscheinen?

Um bewusste oder unbewusste Benachteiligung von Personengruppen beim Einstellungsverfahren zu verhindern, gibt es anonymisierte Bewerbungsverfahren. In vielen anderen Ländern sind die Erfahrungen mit einer anonymen Bewerbung positiv, sodass sie in den USA beispielsweise gängige Praxis sind.

Da deutsche Unternehmen von diesem Standpunkt jedoch noch weit entfernt sind, hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bereits im November 2010 ein Pilotprojekt für anonymisierte Bewerbungsverfahren gestartet. 12 Monate lang haben namhafte Unternehmen wie die Deutsche Post, L’Oréal und die Deutsche Telekom probiert, ihre neuen Mitarbeiter ohne Bewerbungsfoto und Angaben zu Name und Geschlecht zu finden.

Qualifikationen stehen im Vordergrund

Das Ziel einer anonymisierten Bewerbung ist es, dass der Bewerber die Einladung zum Vorstellungsgespräch ausschließlich wegen seiner Qualifikationen erhält. Deshalb wird zunächst auf ein Foto, den Namen, die Adresse, das Geburtsdatum, Angaben zu Alter, Familienstand sowie Herkunft verzichtet. Außer diesen Daten können alle üblichen Informationen eingefordert werden, die die Berufserfahrung, Ausbildung, Motivation und ähnliches betreffen. Doch auch im Lebenslauf ist nicht alles enthalten: die Jahreszahlen tauchen nicht auf.

So schauen die Personaler in der ersten Auswahlrunde nur auf die Qualität des Bewerbungsschreibens und auf die Qualifikationen des Bewerbers. Sobald die Einladung zum Vorstellungsgespräch ausgesprochen ist, erhalten die zuständigen Mitarbeiter dann aber die vollständigen Unterlagen mit persönlichen Angaben des Bewerbers. So ist eine sorgfältige Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch möglich.

Der Weg zum Vorstellungsgespräch muss frei von Diskriminierungen sein

Natürlich können Unternehmen sich aufgrund ihrer Vorurteile spätestens beim Vorstellungsgespräch gegen einen Bewerber ausländischer Herkunft oder die Frau im gebärfähigen Alter entscheiden. Aber immerhin ist die Hürde zum Vorstellungsgespräch genommen.

Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, ist überzeugt davon, dass auch Unternehmen von der anonymen Bewerbung profitieren können. So sei es möglich, dass sie neue Bewerbergruppen für sich erschließen. Auf diese Weise könne die Belegschaft vielfältiger werden. Wenn zudem die Qualifikation der Mitarbeiter im Vordergrund stünde, würden diese besser zu der Jobposition passen, was letztlich auch positive Auswirkungen auf das Image eines Unternehmens hätte.

Auch wenn sich viele Arbeitgeber als offen genug betrachten und denken, sie würden ohnehin nicht diskriminieren, gilt das Argument nicht. Selbst wenn sich jemand vornimmt, nicht zu diskriminieren, funktioniert das nicht immer. Stereotypen seien so verankert, dass sie unbewusst Entscheidungen beeinflussen.

Nur anonym bewerben, wenn das Unternehmen es wünscht

Trotz des geebneten Weges zum anonymisierten Bewerbungsprozess sind die Unternehmen, die von ihnen Gebrauch machen, noch deutlich die Minderheit. Sogar einige der Arbeitgeber, die am Pilotprojekt teilgenommen haben, haben nach Ablauf der Zeit wieder auf das herkömmliche Bewerbungsverfahren gesetzt – inklusive Foto und persönlichen Informationen. Es gibt jedoch mittlerweile immer mehr Arbeitgeber, die in einer Stellenausschreibung darum bitten, vom mitsenden eines Bewerbungsfotos abzusehen.

Wichtig ist es bei allen Bewerbungen, diese sorgfältig und nach den aktuellen Standards zu verfassen. Weil anonymisierte Bewerbungen noch lange nicht zu allen Unternehmen in Deutschland durchgedrungen sind, sollte man bei der Bewerbung zudem die in der Ausschreibung formulierten Wünsche beachten. Sendet man ein Foto mit, obwohl es ausdrücklich nicht erwünscht ist, hinterlässt man einen schlechten Eindruck. Ein anonymes Bewerbungsschreiben in einem herkömmlichen Bewerbungsprozess hat den gleichen Effekt.

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